Jüdisches Leben in Reinheim und seinen Stadtteilen

Als vor 700 Jahren Spachbrücken und Zeilhard in einer Urkunde erwähnt wurden, lebten wohl auch schon Juden in Reinheim und Umgebung. Allerdings konnten sich größere jüdische Gemeinden im Mittelalter nur in Städten etablieren und waren dort auch das vorrangige Ziel christlicher Aggression und Verfolgung. Mit den Pestepidemien in der Mitte des 14. Jahrhunderts verlieren sich auch die meisten Spuren jüdischen Lebens in unseren Dörfern.

Erst nach dem 30-jährigen Krieg werden wieder jüdische Mitbürger erwähnt. Spachbrücken hatte um 1650 keine Einwohner mehr und war auf Zuzug angewiesen. Alte Gerichtsakten zeugen davon, dass auch Juden sich wieder ansiedelten und versuchten, ihrer Familie eine Heimat zu bieten. Das war nicht einfach, denn durch die systematische Unterdrückung der Juden durften diese nichts herstellen, also kein Handwerk ausüben.

Ihre Tätigkeit bestand aus Hausiererei, Handel mit Altwaren wie Lumpen und Kleidern, Viehhandel sowie Pfandleihe und Geldverleih. Die meisten deutschen Jüdinnen und Juden lebten bis ins 19. Jhdt. hinein in Kleinstädten und Dörfern als so genannte „Landjuden“. Hier übernahmen sie eine wichtige Aufgabe: Sie versorgten die Weiler und kleinen Dörfer mit allem, was man nicht selbst anfertigen konnte: Kleidung oder Stoffe zur Weiterverarbeitung, Schuhe, Kurzwaren, Metallwaren, selbst christlich geweihte Kerzen hatten die jüdischen Hausierer dabei.

Durch ihr Wissen über die Marktlage, die wirtschaftliche Situation und die sozialen Gegebenheiten ihrer Kunden waren sie Spezialisten im „Makeln“ von Agrarprodukten, sie unterstützten also Bauern beim Vertrieb von Vieh und Futtermitteln sowie Saatgut und erhielten dafür eine Entlohnung. Manchmal kauften jüdische Händler gegen Bargeld den Bauern landwirtschaftliche Produkte ab und boten die Waren auf den größeren Märkten der Region an. Wer kauft und verkauft muss auch über Kredite und Ratenzahlungen verhandeln. Jüdische Händler waren auf diese Weise gleichzeitig eine Art „Spar- und Darlehenskasse“, die die ländliche Region mit Kleinkrediten für Anschaffungen und Investitionen versorgte.

Aus alten Prozessakten (ca. 1810): Der Jude Simon Jakob von Spachbrücken kam mit dem Taglöhner Johann Georg Stromberger, der dessen Waren auf einem Schubkarren fuhr, und seinem Dienstmädchen, Fromet, von dem Markt zu Brensbach über die Hundertmorgen Richtung Ueberau. Dort warteten schon vier steckbrieflich gesuchte Räuber auf sie. Sie schlugen den Stromberger bewusstlos, fesselten die Magd und zwangen Simon Jakob unter Schlägen und Todesandrohung zur Herausgabe seines Geldes und seiner Waren. Die Räuber flohen über die Dörnbach nach Rohrbach und weiter über Darmstadt nach Langen. Ihnen gelang es, die Verfolger abzuschütteln.
Quelle: https://hessen-martin.de/?page_id=1034

Liberalere Gesetze ermöglichten im 19. Jhdt. den Zuzug jüdischer Familien nach Spachbrücken. Jeder neue Ortsbürger musste in Verbindung mit seiner Aufnahme in die Dorfgemeinschaft zwei Feuereimer bezahlen, das war 1875 die stolze Summe von 3,43 Mark – der Preis für 1 Brot lag etwa bei 0,30 Mark. Als erster jüdischer Ortsbürger wird 1850 der Handelsmann Juda Lehmann genannt. Die jüdische Gemeinde wuchs bis dahin immer stärker an.

1858 wurden 51 israelitische, 7 katholische und 748 evangelische Einwohner gezählt. Die Juden trafen sich in ihrer Synagoge im Wohn- und Gebetshaus in der Hofstraße 9. Für den jüdischen Gottesdienst bedurfte es der Anwesenheit von mindestens zehn erwachsenen Männern. Ein rituelles Bad, eine Mikwe, hat es in der Nähe des Dilsbach gegeben, vermutlich im Abschnitt zwischen Kreuz- und Steinstraße.

Danach wurde die Gemeinde wieder kleiner. Die Juden zogen mit ihren Familien in die Städte, wo sie sich mehr Freiheiten und bessere schulische Möglichkeiten für ihre Kinder als in den kleinen Odenwalddörfern versprachen. Auch Auswanderungen sind belegt: 1855 tauschten Hanchen Lehmann und Löb Baumann Spachbrücken gegen Nordamerika ein.

Mit dem beginnenden 20. Jhdt. war die jüdische Gemeinde in Reinheim mit ihrer Synagoge „Am Biet“ für die Betreuung ihrer Mitglieder zuständig und die Gebetshäuser in den heutigen Stadtteilen wurden wieder zu Wohnräumen umgebaut.

Wurden zuvor noch die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Dieburg beigesetzt, übernahm nun der jüdische Friedhof in Groß-Bieberau immer mehr diese Funktion. Auf beiden Friedhöfen findet man noch Namen von Familien aus Spachbrücken wie Lilienthal oder Weissbecker, die über dreihundert Jahre lang bis 1938 dort beerdigt wurden.

Mit dem Wegzug des Arztes Dr. Jacob Goldmann, der 1933 nach vielen Anfeindungen Reinheim verließ, wurde die medizinische Betreuung aller Einwohner der umliegenden Dörfer schlechter.

 

Auf den Webseiten des Museums Reinheim gibt es ein Video mit mehr Infos zum „Stadtrundgang auf den Spuren jüdischen Lebens in Reinheim“, der auch über die Familie Goldmann berichtet.

 

Stolpersteine in Spachbrücken

In der Bachgasse 1 in Spachbrücken lebten bis 1942 Simon Schack und seine Frau Rosa, geborene May. In ihrem Haus hatten sie eine kleine Milchhandlung, später verkauften sie auch noch Getreideprodukte. Wie viele Spachbrücker hielten sie sich Kleinvieh und hatten ein Gartengrundstück außerhalb des Ortes. Mit ihren beiden Kühen produzierten sie Milch, die sie koscher auch an ihre jüdischen Glaubensbrüder verkaufen konnten. Simon Schack war zuletzt Fabrikarbeiter bei Wacker&Doerr in Ober-Ramstadt.

Der von der NSDAP eingesetzte Ortsbürgermeister Philipp Allmann war sein Arbeitskollege. Dies könnte erklären, warum das Ehepaar Schack relativ unbehelligt von anti-jüdischen Aktionen blieb. Rosa stammte aus Groß-Bieberau, Simon aus Georgenhausen. Er war der Sohn von Nathan Schack und der Bruder von Julius, der im Nachbarort, wie schon der Vater, Metzger und Händler war. Julius war 1936 mit seiner Familie nach Argentinien ausgewandert und so den Vernichtungslagern entkommen.

1942 waren Simon 66 und Rosa 67 Jahre alt. Sie mussten als letzte Juden aus Reinheim und den Ortsteilen ihre Koffer packen und zunächst in ein jüdisches Altersheim in Darmstadt ziehen. Unter dem Vorwand, als Arbeitskräfte in Theresienstadt gebraucht zu werden, deportierte man sie am 27. Sept. 1942 mit 1286 anderen Juden, Sinti und Roma. Im Güterbahnhof in Darmstadt erinnert ein Denkmal an diese Deportationen. Simon und Rosa sind im Ghetto ums Leben gekommen. Ein Grab, an dem man ihrer gedenken könnte, existiert nicht.

Der AKDE, Arbeitskreis Dorferneuerung Spachbrücken, hatte daher 2018 beschlossen, dass für Simon und Rosa Schack „Stolpersteine“ verlegt werden sollten. Unter Mitwirkung des Initiators und Künstlers Gunter Demnig und der Spachbrücker Bevölkerung wurde am 11. April 2019 damit ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt.

 

Auf den Webseiten des Museums Reinheim gibt es ein Video mit mehr Infos zum „Stadtrundgang auf den Spuren jüdischen Lebens in Reinheim“, der auch zur Bachgasse in Spachbrücken führt.